Interview: Anti-Aging-Strategien

Aus: Ästhetische Dermatologie 1/2004
mdm Verlag für medizinische Publikationen

Eva Kuse im Gespräch mit Frau Dr. med. Barbara Fervers-Schorre, Fachärztin für Gynäkologie und Endokrinologie

Eva Kuse Frau Dr. Fervers-Schorre, nach Ihrem Studium der Germanistik, Philosophie und Medizin in Berlin und Köln praktisieren Sie seit 1983 als Gynäkologin mit dem Schwerpunkt Endokrinologie. Was hat man sich unter "Anti-Aging" eigentlich vorzustellen? Bitte geben Sie uns einen Überblick über Anti-Aging-Strategien in Deutschland.

Frau Dr. med. Barbara Fervers-Schorre Anti-Aging-Strategien sind vielfältige Maßnahmen zur Verzögerung des Alterungsprozesses. Die Lebenserwartung der Menschen in Europa hat sich in den letzten hundert Jahren nahezu verdoppelt. Jedes zweite, heute geborene Mädchen hat eine Lebenserwartung von hundert Jahren! Eine umfangreiche Studie der Welt-Gesundheits-Organisation hat aber gezeigt, dass Lebenserwartung und Gesundheitserwartung weit auseinander klaffen. Die Menschen werden zwar immer älter, sie werden es aber oft nicht auf gesunde, lebendige Weise, das heißt das Alter definiert die Vitalität.
Bei uns beschäftigt sich der überwiegende Teil der Medizin - auf hohem Niveau - mit der Behandlung von Krankheiten, erst allmählich erweitert sich das Bewusstsein hin zu mehr Vorbeugung. Das Wissen über den großen Einfluss, den die Hormone auf den Alterungsprozess der Frauen wie auch der Männer haben, nimmt ständig zu. Allerdings ist das Wissen über die Wirkung der Geschlechtshormone bei der Frau dem Wissensstand über die der Männer um zwanzig Jahre voraus. Hier gibt es also noch viel nachzuholen.


?
Welches sind denn die Voraussetzungen für eine Verzögerung des Alterungsprozesses und die Verbesserung der Lebensqualität?

Nach meiner Meinung ist eine der entscheidenden Erkenntnisse, dass nur 25 Prozent des Alterungsprozesses genetisch bedingt sind, 75 Prozent dagegen sind umwelt- und verhaltensbedingt! Das bedeutet, wir haben es zu großen Teilen selbst in der Hand, wie wir altern. Das Wichtigste und sinnvollste liegt dabei im so genannten Lebensstil. Dieses Wissen ist eigentlich uralt, nur ist es inzwischen durch wissenschaftliche Erkenntnis untermauert.
Worauf kommt es an? Auf

  • eine gesunde Ernährung
  • regelmäßige Bewegung von mindestens 30 bis 45 Minuten täglich
  • ausreichend Schlaf
  • möglichen Ersatz fehlender Hormone
  • ausreichende Zufuhr von Mineralien, Spurenelementen, Antioxydantien,
  • seelische Ausgeglichenheit und Zufriedenheit mit dem eigenen Erscheinungsbild, weil auch Schönheit eine Reflexion unserer heutigen Gesellschaft ist.


? Was versteht man unter dem so genannten Praxis-Check in der Anti-Aging-Medizin?

Mit dem Praxis-Check kann man das biologische Alter eines Menschen feststellen, das keineswegs immer mit dem chronischen Alter übereinstimmt. Dazu gehört zum Beispiel eine gründliche Anamnese, das heißt Blut-Analyse, Computer-Check, Erkennung von Stressfaktoren, die Messung der Knochendichte (Osteoporose), der Body-Mass-Index, das heißt die Fettverteilung im Körper.


?
Wie wichtig ist der Zustand unserer Blutgefäße - Kalk- oder Fettablagerungen?

Der Zustand unserer Blutgefäße, die ja alle Organe mit Sauerstoff und lebensnotwendigen Nährstoffen versorgen, gehört zu den wichtigsten Faktoren, die unseren Alterungsprozess bestimmen. Diese Untersuchungen müssen unbedingt mit einbezogen werden! Mit bestimmten Blut- und Ultraschall-Untersuchungen des arteriellen Gefäßsystems kann man heute schon sehr viel über mögliche Risiken für die Gefäße aussagen. Auch die Hormone spielen für die Elastizität der Gefäße eine wichtige Rolle.

? Gibt es Hormonprobleme eigentlich nur bei Frauen, oder haben auch Männer um die Lebensmitte damit Probleme?

Mehr und mehr weiß man, dass auch Männern die Hormone mit zunehmendem Alter absinken können, allerdings findet der Prozess schleichender statt als bei der Frau. Andererseits haben gerade Männer mehr Möglichkeiten als Frauen, durch ihr Verhalten auf ihre Hormone, (auch die Geschlechtshormone), Einfluss zu nehmen.


?
Zu welchem Arzt geht "Mann" sinnvollerweise? Gibt es einen Facharzt?

Den "Männerarzt", wie er zunehmend gefordert wird, gibt es nur sehr selten. "Mann" muss sich also umhören nach einem Arzt, der vom Alterungsprozess und vom Umgang mit Hormonen etwas versteht. Es ist sicher kein Zufall, dass es zuerst Gynäkologen waren, die sich für die hormonellen Veränderungen bei älter werdenden Männern interessiert haben, denn sie hatten und haben die meiste Erfahrung in der Hormonersatztherapie. Dadurch ist in den letzten Jahren ein zunehmendes Wissen und Interesse an diesen Themen bei vielen dafür offenen medizinischen Fachrichtungen entstanden.


? Gibt es allgemeine Regeln oder Erfahrungswerte für den Hormonstatus ab der Lebensmitte?

Das Entscheidende ist, dass ab der Lebensmitte die aufbauenden Hormone abnehmen, während die abbauenden gleich bleiben, so dass der Abbauprozess zunimmt. Diese Veränderungen sind individuell unterschiedlich ausgeprägt, heute gibt es aber für viele Hormone ausreichend Erfahrung, um Mittelwerte zu bilden.

? Was bewirken Hormone, Mineralstoffe, Vitamine?

Hormone haben sehr vielfältige Wirkungen. Sie sind essentielle Botenstoffe, die fast alle Stoffwechselprozesse beeinflussen. Mineralstoffe und Vitamine hemmen vornehmlich Alterungsprozesse durch Elektronenschäden - so genannte freie Radikale. Dabei kommt unter anderem den Vitaminen A, C und E sowie einem ausgewogenen Verhältnis von Eisen, Kupfer, Kalzium, Magnesium, Selen und Zink eine besondere Bedeutung zu.


? Anti-Aging-Medizin bietet sich meines Erachtens für eine Zusammenarbeit mit versierten Kosmetikerinnen geradezu an. Wie können Alterungsprozesse der Haut verlangsamt oder gestoppt werden? Helfen Hormoncremes dabei und wie wirksam sind sie?
Die Kosmetik könnte hier doch gut mit der Medizin kooperieren. Ich denke an eine gute Auswahl an Produkten, welche mit Phytohormonen, Isoflavonen, Algenauszügen, Fruchtsäuren und Vitamin haltigen A+C+E sowie Collagen-Neubindung anregenden Stoffen die Haut wieder glätten und verjüngen sollen. Richtig angewandt, erzielt man mit diesen Produkten gute Erfolge.

Hormone spielen auch beim Alterungsprozess der Haut in der Tat eine entscheidende Rolle. Wir unterscheiden die so genannte exogene Hautalterung, die hormonbedingt ist. Die Hormone, besonders die Geschlechtshormone, beeinflussen entscheidend das Aussehen und die Elastizität der Haut, und zwar in allen Hautschichten.
Die Zusammenarbeit zwischen auf dem Gebiet der Hormone versierten Ärzten und Kosmetikerinnen kann nach meiner Erfahrung sehr sinnvoll und hilfreich sein. Die Alterung der Haut kann mit allen Methoden, die auch die übrigen Alterungsprozesse des Organismus beeinflussen, verlangsamt werden. Also vor allem durch Lebensstil, Antioxydantien und Hormone. Dabei können die Hormone auch in der Form von Cremes zugeführt werden - Voraussetzung ist allerdings, dass dies nur unter Leitung eines in der Hormontherapie erfahrenen Arztes beziehungsweise einer Ärztin geschieht. Die Kosmetikerin kann die behandelnden Ärzte dabei sehr gut unterstützen, da sie ja über vielfältige Erfahrungen auf dem Gebiet der Hautalterung und Hautpflege verfügt.

? Eingangs hatten Sie Ernährung und Bewegung als wichtige Faktoren bereits hervorgehoben. Welchen Einfluss haben sie auf ein positives Behandlungsergebnis?

In der Tat spielen die richtige Ernährung und regelmäßige körperliche Bewegung eine zentrale Rolle, man kann das biologische Alter gut um einige Jahre "zurückdrehen". Über die Nahrung nehmen wir die notwendigen Bau- und Energiestoffe für alle Stoffwechselprozesse auf. Die Japaner zum Beispiel haben niedrigste Rate an Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wohl wegen ihrer gesünderen Ernährung. Bewegung kann besonders durch die Freisetzung des Wachstumshormons und durch den positiven Effekt auf das Herz-Kreislaufsystem das Behandlungsergebnis sehr positiv beeinflussen. Dabei ist jedoch wie bei allen Anti-Aging-Strategien das richtige Maß entscheidend.


! Frau Dr. Fervers-Schorre, herzlichen Dank für diesen informativen Überblick. Auf den ersten Blick scheint alles recht einfach: Richtige Ernährung, genügend Bewegung, ein paar Vitamine, Mineralstoffe und eine gute Hautcreme, und wir werden gesund und munter hundert Jahre alt.
Doch so einfach ist es leider nicht. Die Alters- und Hormonforschung ist sehr komplex und anspruchsvoll, die solide Forschung benötigt viel Zeit, bis neue Ergebnisse vorliegen und in der praktischen Behandlung umgesetzt werden können. Auch die Ausbildung der Ärzte muss sich neuen Erkenntnissen anpassen, insbesondere der Vorbeugung (Anti-Aging!) und den dafür erforderlichen Maßnahmen mehr Raum geben. Doch wie sensibilisiert man die Menschen (die ja noch keine Patienten sind) rechtzeitig? Wer sich nicht krank fühlt, geht nicht zum Arzt, wie soll er also dem vorzeitigen Altern rechtzeitig gegensteuern? Als Ergebnis wünschen wir uns, dass Menschen, die es mit ihrer Selbstverantwortung für Wohlbefinden und Gesundheit ernst nehmen, sich regelmäßig informieren über die zahlreichen Möglichkeiten, gesund und lebensfroh ein hohes Alter zu erreichen. Eine positive Einstellung in allen Lebenslagen kann dazu wesentlich beitragen.

Anti Aging Strategie