Postpartale Veränderung der Paarbeziehung

Postpartale Veränderung der Paarbeziehung
Artikeln in "Gynäkologe", (1986) 19: 28-32

Zusammenfassung. Nach der Geburt des Kindes muß sich die Paarbeziehung, um die Entwicklung des Kindes zu ermöglichen, notwendig verändern. Die Mutter muß sich in regressiver Identifikation zunächst auf die Symbiose mit ihrem Kind einlassen und bedarf dazu des emotionalen Schutzraumes durch den Vater. Beide Partner müssen für eine Zeit zugunsten ihres Kindes, zumindest partiell, ihre frühere Zweierbeziehung zurückstellen können. Dabei geht es nicht um einen endgültigen Verzicht, sondern um einen für die Entwicklung des Kindes notwendigen Entwicklungsschritt. Wenn er gelingt, führt er zur Wiedergewinnung der Paarbeziehung und zu ihrer Erweiterung um den Aspekt der Elternschaft.

Wohl zu keinem Zeitpunkt des Lebens wird der Unterschied der Geschlechter aber auch ihre mögliche Verschmelzung so deutlich sichtbar wie in der Schwangerschaft. Ein Kind empfangen, austragen und gebären kann nur die Frau, es zeugen nur der Mann. So bedeutet die Schwangerschaft eine zentrale Manifestation beider, Mann und Frau, als voneinander gesonderte Geschlechtswesen, und doch sind gleichzeitig im Kind beide, Vater und Mutter, aufgehoben im dreifachen Hegeischen Sinne: Bewahrt, verschwunden, zu etwas Drittem, Neuem erhöht.

Veränderung der Paarbeziehung während der Schwangerschaft
Die Veränderung der Paarbeziehung beginnt deshalb auch nicht erst postpartal, sondern schon während der Schwangerschaft. Für beide Partner bedeutet sie den Beginn einer wesentlichen Umstellung. Es sind im wesentlichen drei Schauplätze, an denen sich die psychologischen Vorgänge der Schwangerschaft abspielen: die Biologie, die psychologische Innenwelt und die Realwelt [3]. Alle drei beeinflussen einander fortwährend.

Nach der Befruchtung beginnen die großen biologischen Veränderungen im weiblichen Organismus. Das erste Trimenon ist die Zeit der Nidation und der Entwicklung des Embryo zum Fet. Der Trophoblast verflüssigt und verdaut mütterliches uterines Gewebe und frißt sich auf diese Weise durch invasives Vordringen gleichermaßen ein Nest für das befruchtete Ei. "Durch die Sprossung des Synzytiotrophoblasten entsteht ein ausgedehntes, kommunizierendes Lakunensystem, eng verzahnt mit den inselförmigen Resten maternen Gewebes ... Gleichzeitig wird durch die regulative Kraft des Endometrium die Grenze gegenüber dem Trophoblasten abgesteckt. Durch diese mateme Schutzfunktion unterscheidet sich die Implantation des Trophoblasten voiii autonomen Geschwulstwachstum. Bei gestörtem Gleichgewicht zwischen Stabilisierung des Endometrium und Proliferationstendenz des Trophoblasten entstehen die pathologischen Nidationsformen der Frucht" [9].

Mit dieser rein organischen Beschreibung der Nidation erscheint mir auch einer der zentralen seelischen Vorgänge der Schwangerschaft für die Frau erfaßt: Im biologischen Prozeß der Identität von Mutter und Fet ist der Fet ein Endoparasit der Mutter, der mütterliche Körper ist das Objekt der Ausbeutung. Die Fähigkeit zur Hin-Gabe, zur Opferbereitschaft und mütterlich-zärtlichen Identifikation, d.h., bildlich gesprochen, auch die Bereitschaft, sich ein Stück auffressen zu lassen, setzt seelische Stabilität und Grenzen der eigenen Identität voraus, oder, um im Bild zu bleiben, die regulative Kraft der Mutter, um die Grenzen gegenüber dem Kind abzustekken, so daß sie nicht befürchten muß, von einem parasitären körperlichen und seelischen Störenfried ganz gefressen zu werden [4].

Bei allen Schwangeren ist eine zunehmende Wendung nach innen zu beobachten und damit verbunden auch eine erhöhte Regressionsbereitschaft, die aber keineswegs nur pathologischen Wert hat, sondern dem Prozeß immanent und förderlich ist. Das Wesentliche, Neue geschieht im Inneren und das innere Genitale wird zum Mittelpunkt der narzißtischen Bereicherung [6]. Im Inneren der Frau wächst eine neue duale Existenz, auf die sie sich zunächst einmal einlassen muß. Bei einer guten Beziehung wird der Partner als Beschützer und Verteidiger der Frau in den magischen Zirkel der neuen dualen Existenz mit einbezogen. Das Kind ist ja das Kind von ihm, auch wenn es jetzt noch Teil von ihr ist, und die Schwangerschaft bedeutet eine kontinuierliche, gemeinsame Pflege der wachsenden Frucht.

Das Nebeneinander von zwei sich eigentlich widersprechenden Regungen, das Ausgeschlossen- und doch zutiefst Involviertsein, setzt beim Mann eine große Fähigkeit zur Flexibilität voraus. Es muß ihm gelingen, das Gefühl der Zugehörigkeit auch dann zu bewahren, wenn er im wahrsten Sinne des Wortes "draußen" ist. Diesen Widerspruch zu ertragen, ist für viele Männer außerordentlich schwer, zumal dabei oft sehr frühe eigene Trennungs- und Verlustängste mobilisiert werden können. In den letzten Jahren hat sich die rigorose Rollenaufteilung in männlich und weiblich gelockert. Männer dürfen, ohne daß ihnen der Verlust ihrer Geschlechtsrolle droht, bis dahin als ausschließlich weiblich geltende Gefühle und Fähigkeiten nicht nur haben, sondern auch zeigen. Hierzu gehört auch die Hege und Pflege der Frucht. Ohne Zweifel ist die Lockerung der Rollenstereotypen für beide Geschlechter eine große Bereicherung. Der Wunsch mancher Paare, die Unterschiede ganz zum Verschwinden zu bringen, der Wunsch mancher Väter, "wie eine Mutter zu werden", scheint mir jedoch in manchen Fällen auch Abwehrcharakter zu haben. Verleugnung des Getrenntseins, des Andersseins und „Abwehr der Kränkung des Selbstgefühls, daß sie (die Männer) an den lebenswichtigen Funktionen der Fortpflanzung weitaus weniger Anteil haben als Frauen ... In dem väterlichen Schwangerschaftswunsch drückt sich zugleich das Bedürfnis aus, in einem omnipotenten Narzißmus der Fruchtbarkeit schwelgen zu können: ein Mann und eine Frau zugleich zu sein, mit Hoden und Eierstöcken, Penis und Vagina. Nicht nur androgyne Mütter haben Allmachtswünsche, wollen ein Supergeschlecht verkörpern, sondern auch neue Väter. Ihre männlichen Größenphantasien müssen sie darüber hinwegtrösten, daß sie Männer mit begrenzten Funktionen und Fähigkeiten sind" [l].

Um es noch einmal zu wiederholen: Zwei Aspekte scheinen mir zentral für die Schwangerschaft: Die Fähigkeit zur Hingabe ohne Verlust der eigenen Grenzen bei der Frau, die Bereitschaft und Fähigkeit, schützend dazuzugehören und dennoch "draußen" bleiben zu müssen beim Mann, und die Fähigkeit des Paares, die äußerste Verschiedenheit ihrer selbst als Geschlechtswesen gleichzeitig mit der äußersten Verbundenheit in der wachsenden Frucht zu erleben. Dies alles ist außer einer Quelle des Glücks und der Bereicherung immer auch eine Quelle der Konflikte und Enttäuschungen, die es zu bewältigen gilt.

Die Schwangerschaft ist auch die Zeit der sich entwickelnden neuen Identität zur Mutter-, Vater- und Elternschaft. Das Kind gewinnt erst langsam eigene Identität, es ist noch Teil der Mutter, wird ohne ihr aktives Zutun in ihrem Leib genährt. Man könnte sagen, daß die Schwangerschaft auch eine Zeit der probatorischen Identitätsfmdung der Eltern als Eltern ist. Noch ist in der Phantasie alles möglich und kann ohne Gefahr zugleich verworfen werden. Es ist eine Zeit der intensiven Aktivierung von Ich-Idealen und Phantasien: blondgelockte Prinzen oder schwarzhaarige Prinzessinnen, Retter, Vertraute, Kumpel und Freundinnen, Hilfsbedürftige oder Starke, alle können, je nach Bedürfnis, im Bauch der Mutter gleichzeitig heranwachsen; Phantasieprodukte ohne Realität. Auch das Paar lebt bei aller Veränderung der Beziehung schon während der Schwangerschaft, jedenfalls vor der Geburt des ersten Kindes, noch in einer Zweierbeziehung.

Die Ahnung der großen Veränderung nach der Geburt zeigt eine Patientin, die stationär aufgenommen werden mußte und sehr darauf drängte, wenigstens noch einige Tage vor der Geburt nach Hause zu können, um noch einmal mit ihrem Mann allein zu sein. Eine andere Patientin verreiste mit ihrem Mann und ihrer einjährigen Tochter, nachdem sie wußte, daß sie zum zweitenmal schwanger war, "weil wir noch einmal mit der Lu allein verreisen wollten".

Regressive Identifikation mit dem Kind

Im Gegensatz zu allen anderen Phantasieprodukten wird das Kind mit der Geburt Wirklichkeit und die langsam gewachsene Beziehung muß sich nun neu gestalten. Für die Frau kommt es zunächst zu einer komplizierten physiologischen Umstellung und Erneuerung, die alle Kräfte des Organismus für sich fordern. Aber die freudige Feststellung der Frau, nun wieder "wie früher" zu sein, ist nur ein Trugschluß. Der Bauch ist zwar weitgehend verschwunden, der Uterus kontrahiert, aber gleichzeitig mit den Prozessen der Involution beginnt ein neuer Aufbau im Dienste der Fortpflanzung, der schon während der Schwangerschaft vorbereitet wurde: Die Tätigkeit der Milchdrüsen setzt ein.

So ist auch nach der Geburt der gesamte Körper der Frau zunächst noch auf ihre Fortpflanzungsfunktion ausgerichtet. Der Strom der psychischen und physischen Energie ist aber nicht mehr nur nach innen gerichtet, sondern wendet sich wieder nach außen, dem nun realen Kind zu. Dabei hat das Wesen der Mütterlichkeit seine Wurzeln in einem Zustand, in dem die Spaltung zwischen Ich und Du noch nicht existiert, sie ähnelt mancher Form der Verliebtheit insofern, als „das Objekt (d.h. das Liebesobjekt) das Ich des Liebenden in diesem Zustand der Verliebtheit sozusagen aufgezehrt hat", wie Freud sagt. Der mütterliche Altruismus fordert nichts für sich, sondern besitzt dem Kind gegenüber die Bereitschaft, ohne Schranken und Reserven alles zu geben. Da sich diese Liebe aber sozusagen auf Kosten der Selbstliebe entwickelt, besteht für die Frau die Gefahr der Ich-Verarmung, denn das Ich der Mutter hat auch andere Interessen, die mit der Fortpflanzungsfunktion nichts zu tun haben. Es werden sich also zwei gegensätzliche Strebungen in ihr ausbilden: eine, die dem Ich zu seinem Recht verhelfen will, und eine, die nach der Wiedervereinigung mit dem Kind strebt, oder um es anders zu sagen: Es muß der Frau sozusagen gelingen, ihr Ich zu teilen: Durch Identifikation mit ihrem Kind (was nichts anderes bedeutet, als dieses durch Regression verstehen zu lernen) und durch die Wiederherstellung der äußeren Realität. So bedarf es großer psychischer Stärke und Angstfreiheit, um diese Dezentralisation ihrer Strebungen - Mutter, Geliebte und gesellschaftliches Wesen zu sein - auszuhalten und nebeneinander bestehen zu lassen [5].

Die Beziehung zur eigenen Mutter wird während dieser Phase der Einstellung auf das Kind heftig wiederbelebt. Der Grad der Freiheit von der inneren Abhängigkeit zur Mutter entscheidet für viele Frauen das Schicksal ihrer eigenen Mutterschaft [3].

Um angstfrei und gefahrlos auf diese Weise regredieren zu können, bedarf es nicht nur innerer Stärke, sondern auch des äußeren Schutzes. Meines Erachtens besteht eine wichtige Funktion des Vaters darin, diesen emotionalen Schutzraum für die Möglichkeit der regressiven Identifikation der Mutter mit ihrem Kind zu gewähren, und dem Kind die Ablösung von der Mutter, die sogenannte frühe Triangulierung, zu ermöglichen [7].

Viele Väter sind mit dieser Aufgabe überfordert, weil die regressiven Tendenzen ihrer Frauen sie beängstigen. Sie selbst haben zumeist nur gelernt, die Regression als Ausdruck von Schwäche und Labilität zu sehen und abzulehnen, und sind deshalb oft rat- und hilflos, wenn sie ihre Frauen so verändert sehen. Hinzu kommt, daß Gefühle der Eifersucht wach werden, denn das Kind hat den Mann aus der Zweierbeziehung mit der Frau, zumindest partiell, verdrängt. Diese Väter neigen dann nicht selten dazu, sich zunehmend zurückzuziehen, zum Beispiel in ihre Arbeit zu flüchten, und es beginnt ein circulus vitiosus aus Enttäuschung, weiterer Regression und weiterer Distanz.

Eine andere Gruppe von Männern, von denen schon zuvor die Rede war, versucht, die beängstigende Vaterrolle dadurch zu vermeiden, daß sie sich bemüht, selbst Mütter zu werden. Dies scheint problematisch nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Kinder. Der Mutter fehlt dann oft der zuvor beschriebene notwendige Schutzraum für die regressive Identifikation mit ihrem Kind, der Vater konkurriert mit der Mutter da, wo von Anfang an eine Konkurrenz schon aus biologischen Gründen nicht möglich ist, und das Kind hat nicht Eltern, sondern eineinhalb Mütter [l].

Neben dieser wichtigen und für die Beziehung zum Kind notwendigen regressiven Tendenz der Frau (die ja im Normalfall vorübergeht) erscheint eine zweite wesentliche Veränderung der Paarbeziehung nach der Geburt des Kindes die schon angedeutete elementare Veränderung von der Zweier- zur Dreierbeziehung. Dies ist außer der möglichen Bereicherung immer auch ein Verlust, der betrauert und überwunden werden muß. So wie besonders für die Frau mit der Beziehung zum eigenen Kind die Beziehung zur eigenen Mutter heftig wiederbelebt wird, wird für Mann und Frau, und eben auch besonders für das Paar, die Dreierbeziehung der eigenen Kindheit wiederbelebt. Je konflikthafter diese war, desto schwieriger wird auch die Bewältigung der eigenen Elternschaft.

Dabei betrifft die Problematik der Dreierbeziehung nicht nur die klassischerweise damit gemeinte ödipale Entwicklungsstufe, auch sehr frühe Phasen der eigenen Entwicklung werden wiederbelebt und können zu Konflikten des Paares führen. Der Schweizer Psychoanalytiker Willi [8] nennt das Zusammenspiel eines Paares auf Grund eines gemeinsamen Unbewußten "Kollusion". Ein solches Paar trägt seine Konflikte meist in der unablässigen Variation eines immer gleichbleibenden Themas aus. Bei einem Paar mit einem sogenannten oralen Beziehungsthema (Oralität als die früheste Entwicklungsstufe mit dem Erleben des Versorgt- und Gehegtwerdens), kreist dieses um die Frage: "Inwiefern geht es in der Liebe und Ehe darum, sich nähernd, pflegend und helfend umeinander zu kümmern? Inwiefern habe ich einen Anspruch darauf, daß der Partner mich wie eine Mutter umsorgt, ohne dafür von mir eine entsprechende Gegenleistung zu erwarten, und inwiefern kann und soll ich mich zum Retter und Helfer des Partners machen und ihm eine unerschöpflich spendende Mutter sein?"

Es ist leicht vorstellbar, daß die Problematik eines solchen Paares, das mit seinen eigenen Wünschen nach mütterlicher Pflege nicht fertig wird, durch die Ansprüche eines Kindes nach mütterlicher Pflege dekompensieren kann. Ein solches Paar benutzt die genitale Sexualität weitgehend nur zur Befriedigung oraler Bedürfnisse, d.h. zur Befriedigung des Bedürfnisses nach Zärtlichkeit und Nähe. Dieses kann nun zum Beispiel für einen der Partner durch das Kind befriedigt werden, so daß der andere sich plötzlich aus seiner ursprünglichen Rolle vertrieben fühlt und Trauer, Konkurrenz- und Neidgefühle entwickeln kann, die ihm seinerseits dann den Zugang zum Kind und zum Partner versperren [5].

Stillen

Hierher gehört meines Erachtens auch die mögliche Problematik des Stillens. Die wichtige Funktion des Stillens für die Entwicklung der Mutter-Kind-Beziehung ist in den letzten Jahren sehr ins Bewußtsein gerückt und wird sicherlich von niemand ernstlich mehr geleugnet. Es sei deshalb hier erlaubt, auch einmal die mögliche Problematik zu sehen. Für jedes Paar wird durch das Stillen die Sexualität für eine Zeit verändert. Der weibliche Körper ist sozusagen geteilt in einen stillenden, reproduktiven, oralen Teil und einen genitalen. Es bedarf einer großen Integrationsleistung, besonders der Frau, die Einheit ihres Körperlebens herzustellen und das gleichzeitige Neben- und Miteinander ihrer sexuellen und reproduktiven Geschlechtlichkeit zu gewinnen. Diese Problematik wird meines Erachtens in den letzten Jahren unter dem Primat des Stillens weitgehend verleugnet. Wer nicht stillen kann oder will, sieht sich nicht selten erheblichen Repressionen ausgesetzt. Eine Patientin äußerte das so einfach wie klar: "Seit der Geburt meiner Tochter hat mich noch kaum jemand gefragt, wie es uns geht. Alle fragen nur: 'Stillst Du auch?'."

Frauen, denen im oben beschriebenen Sinne die genitale Sexualität schon vor der Geburt des Kindes nicht wichtig und befriedigend war, wird mit dem Stillen ein für das Bewußtsein gut akzeptabler Grund gegeben, sich dem Partner ganz zu entziehen. Häufig ist die Entwicklung schleichend und erst nach Monaten oder gar Jahren wird die Dramatik der Partnerkrise unübersehbar. Schrittweise mag das Kind zunächst im Schlafzimmer bei den Eltern, dann in ihrem Bett gelegen haben und schließlich hat der Vater seinen Platz im Bett geräumt, oft mit der Begründung, er müsse ungestört schlafen, und Mutter und Kind liegen dort in inniger Symbiose. Jedes Unwohlsein des Kindes, das ja durchaus auch aus anderer Quelle als der des Hungers herrühren kann, wird auf die immer gleiche Weise - durch Stillen - beantwortet. In dem bewußten Bemühen, das Kind zu befriedigen, wird ihm so de facto möglicherweise die notwendige Lösung aus der Symbiose sehr erschwert.

Die Mütter sind oft bis zum Rand ihrer physischen Kraft erschöpft und schaffen den befreienden Weg zur langsamen Lösung weder für sich noch für ihr Kind. Sie sind geplagt von der Vorstellung der letztlich nie erreichbaren totalen Befriedigung des Kindes und den Schuldgefühlen, die ihnen ihre verleugneten Aggressionen und ihre vermeintliche Insuffizienz bereiten. Den Vätern gelingt es in diesen Beziehungen meist nicht, in die Beziehung zwischen Mutter und Kind mit einzutreten oder gar eine eigene Beziehung zu ihrer Frau wiederzugewinnen.

Auch für Männer werden mit dem Stillen zahlreiche Erinnerungen mobilisiert. Auch ihnen fallt es oft nicht leicht, die Eifersuchts- und Neidgefühle auf das Kind an der Brust der Mutter zu bewältigen. Als Reaktionsbildung bestehen sie dann auf einer ganz besonders guten und zuverlässigen Versorgung des Kindes.

Neben der oralen Ebene, also der, in der es um die Frage der gegenseitigen Sorge geht, sind manche Elternpaare in ihrer Fähigkeit zur Elternschaft besonders auf der ödipalen Ebene der Dreierbeziehung behindert, zum Beispiel dadurch, daß sie nun mit der Geburt des eigenen Kindes plötzlich die Stelle des beneideten Elternteils der eigenen Kindheit übernehmen sollen, also beispielsweise der vom Jungen um die Mutter beneidete Vater sein sollen [7]. Eine weitere Möglichkeit des Inzesttabus liegt darin, daß jeder den anderen plötzlich als den gegengeschlechtlichen Eltemteil ansieht; die Frau also zum Beispiel plötzlich ihren zum Vater gewordenen Mann als ihren eigenen Vater bedrohlich nahe sieht. Oder der Mann kann seine Frau solange als seine Geliebte erleben, wie sie nicht Mutter ist, sobald sie aber Mutter - und gar die Mutter seiner Kinder - ist, wird sie sozusagen heilig und sexuell unberührbar. Diese Rollenaufteilung in die unberührbare, reine Mutter und die verführerische, verruchte Geliebte besteht in vielen lateinischen Ländern noch ungebrochen. Bei uns spielt sie zwar im öffentlichen Bewußtsein und im sozialen Gefüge keine Rolle mehr, die emotionale Entwicklung folgt diesen gesellschaftlichen Veränderungen aber nicht selten mit einer erheblichen Zeitverschiebung [5].

Von der Paarbeziehung zur Familie

Neben diesen beiden wesentlichen Veränderungen der Paarbeziehung auf der individuellen psychischen Ebene, der Regression und der Triangulierung, erscheint mir noch ein weiterer Punkt von Bedeutung. Mit der Geburt des Kindes verändert sich nicht nur jeder einzelne Elternteil, verändert sich nicht nur die Zweier- zur Dreierbeziehung, sondern Eltern und Kind(er) werden zu einer Familie oder veränderten Familie. Damit erwachen in den Eltern die Wünsche und Befürchtungen, die mit dieser Institution und eben auch mit ihrer Gruppendynamik verbunden sind. Damit erwacht zum Beispiel auch und in neuer Form für das Paar die Frage, wie weit sie von ihrer Ursprungsfamilie innerlich frei und unabhängig sind, um eine neue, eigene Familie zu gründen.

Es wäre eine eigene Arbeit wert, die Veränderung der Paardynamik unter familiendynamischem Aspekt zu betrachten. Im Rahmen dieser Arbeit sei er nur als Anstoß zum Weiterdenken genannt. Außer dem psychologischen erscheint mir noch ein gesellschaftlicher Aspekt von besonderer Bedeutung: Immer noch geben viele junge Frauen mit der Geburt des Kindes ihre Berufstätigkeit auf. Das kann zwar auf den ersten Blick zumindest für Frauen mit wenig befriedigenden Berufen die Befreiung von einer belastenden Arbeitstätigkeit bedeuten; für Frauen mit befriedigenden Berufen bedeutet es immer auch die Aufgabe eines wichtigen Teiles der Verwirklichung ihrer Fähigkeiten. Für alle Frauen bedeutet es die finanzielle Abhängigkeit von ihren Männern und oft den Rückzug in die Isolation. Bedenkt man die zuvor beschriebene Tendenz zur Regression, die Frauen sowohl während der Schwangerschaft als auch postpartal zunächst haben, die aber auch eine Stärkung des Bezugs zur Realität notwendig macht, so wird meines Erachtens gut verständlich, daß sehr viele junge Frauen diese Isolation und dieses völlige Zurückgewiesensein auf die regressive Identißkation mit ihrem Kind nicht unbeschadet überstehen, sondern in Depression und nicht selten in Suchtverhalten verfallen (sehr häufig Freßsucht).

Die Veränderung der Paarbeziehung als Krise

Es wurden vier Aspekte der Veränderung der postpartalen Paarbeziehung dargestellt, die gleichzeitig auch für jedes Paar zunächst eine Krise bedeuten: die regressive Identifikation mit dem Kind, die Triangulierung, die Veränderung zur Familie und die häufige Aufgabe der Berufstätigkeit der Frau. Vielen Paaren gelingt die Verarbeitung der Krise und die Reifung der Beziehung, für viele Paare ist sie aber auch der Beginn einer Entfremdung. So ubiquitär die Krisenhaftigkeit der durch ein Kind veränderten Paarbeziehung ist, so tabuisiert erscheint sie allerdings auch. Nur bei gutem Zuhören und möglicherweise geduldigem Nachfragen wird es gelingen, einem Paar die Last der verbreiteten Klischees zu nehmen und auch über die eheliche Krise sprechen zu können. Die Frage bleibt, was die Tabuisierung notwendig macht? Tabuisiert wird, was Angst macht. Die ambivalenten Gefühle dem Kind gegenüber, die ambivalenten Gefühle dem Partner gegenüber machen solange Angst, wie sie mit Schuldgefühlen beladen sind. Ein Kind, das man nur lieben muß, das mit seinen riesigen Ansprüchen nicht auch einmal zuviel und lästig sein darf, kann eine große Bedrohung sein. Umso größer wird möglicherweise die Ambivalenz, aber umso heftiger muß sie auch verleugnet werden. Ein Partner, der nicht versteht, was vorgeht, und den ich nicht verstehe, macht aggressiv. Auch diese Aggression muß verleugnet werden. So bleiben die entleerten Formeln der Geburtsanzeigen von glücklichen Eltern über ein freudiges Ereignis zurück [2]. Es scheint an der Zeit, daß nach der verständlichen euphorischen Aufbruchstimmung der letzten Jahre, die sicherlich viele wesentliche Veränderungen für Schwangerschaft, Geburt und Beziehung zum Kind gebracht hat, nun auch die möglichen Schwierigkeiten im Bewußtsein zugelassen werden, um Paaren die Enttäuschung und Insuffizienzgefühle über das vermeintlich nur ganz persönliche Versagen zu nehmen. Damit ist ein Anstoß zur Enttabuisierung der Krise gegeben und möglicherweise auch ein Anstoß zur größeren Freiheit: Es sollte nicht um ein erpresserisches Entweder/Oder (Glück oder Konflikt), sondern um ein befreiendes Sowohl/Als auch gehen.

Literatur

 

  1. Bogg J (1984) Die Mamis und die Mappis. Zur Abschaffung der Vaterrolle. Kursbuch 76: 53
  2. Buddeberg C (1985) Vom freudigen Ereignis zum ehelichen Unglück - die Zeit nach der Geburt als familiäre Reifungskrise. Vortrag auf der 14. Fortbildungstagung für psychosomatische Geburtshilfe und Gynäkologie, Köln
  3. Deutsch H (1954) Psychologie der Frau, Bd2. Huber, Zürich
  4. Fervers-Schorre B (1982) Schwangerschaft - Was bedeutet Schwangerschaft aus psychosomatischer Sicht? - In: Richter D, Stauber M (Hrsg) Psychosomatische Probleme in Geburtshilfe und Gynäkologie. Kehrer, Freiburg
  5. Fervers-Schorre B (1983) Postpartale Sexualstörungen. Sexualmedizin 12: 232
  6. Kestenberg G (1977) Regression and reintegration in pregnanry Tntemational University Press, New York
  7. Möller-Gambaroff M (1985) Utopie der Treue. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
  8. Willi J (1978) Die Zweierbeziehung. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg
  9. Wulf K-H (1981) Die regelrechte Anlage und Entwicklung des Schwangerschaftsproduktes, in: Martius G (Hrsg) Lehrbuch der Geburtshilfe. Thieme, Stuttgart New York, S 72