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Seelisches Erleben und Sexualität im Alter
Seelisches Erleben und Sexualität im Alter
Zusammenfassung
Es soll der Frage nachgegangen werden, was die Krisenhaftigkeit des Alterns ausmacht und wie darin die Sexualität eingebettet ist. In unserer Gesellschaft besteht eine erhebliche Tabuisierung der Sexualität älterer Menschen, insbesondere älterer Frauen, die Teil der umfassenden Tabuisierung von Alter, Sterben und Tod ist. Eine Frau mit starker weiblicher Identität kann dem Prozeß des Alterns anders begegnen als eine Frau, die sich in ihrer Weiblichkeit lediglich als Objekt männlichen Begehrens und/oder über die Mutterschaft definiert. Dennoch sind die zu lösenden Konflikte für alle Frauen ähnlich. In allen vorherigen Reifungskrisen der Frau ging es zwar auch immer um Verluste und die Bewältigung von damit verbundenen Ängsten, dennoch waren die Verluste im jüngeren und mittleren Alter zum Teil auch selbst gesucht und nach Bewältigung der Krise in der Regel von deutlichem Zugewinn gekrönt. Anders ist es mit dem Prozeß des Alterns. Hier geht es für die meisten Menschen zunächst einmal um die Verarbeitung von nicht freiwillig gesuchten sondern überwiegend auferlegten Verlusten auf verschiedenen Ebenen. Solange Ängste und Verluste nicht abgewehrt und verleugnet werden müssen, sondern betrachtet, angegangen und bewältigt werden können, haben sie nicht zerstörerischen, sondern reifenden und oft auch bereichernden Wert. Die zentralen seelischen Leistungen des alternden Menschen sind: Abschiednehmen von einem Teil des Lebens ohne Verlust des Engagements für das Leben, Loslassen und Neuorientierung.
"Aus Jugendlichen, die eine ausreichende Anzahl von Jahren überdauern, macht das Leben Greise, sagt Proust; sie behalten die Vorzüge und Fehler jenes Menschen, der sie ja weiterhin sind. Und dies will die öffentliche Meinung nicht wahrhaben. Wenn die alten die gleichen Wünsche, die gleichen Gefühle, die gleichen Rechtsforderungen wie die der Jugend bekunden, schockieren sie; bei ihnen wirken Liebe, Eifersucht widerwärtig oder lächerlich, Sexualität abstoßend. Gewalttätigkeit lachhaft. Sie müssen ein Beispiel für alle Tugenden geben. Vor allem fordert man von ihnen heitere Gelassenheit: man behauptet einfach, sie besäßen sie, was einem erlaubt, gleichgültig über ihr Unglück hinwegzusehen. Weichen sie von dem erhabenen Bild ab, das man ihnen aufnötigt, nämlich dem des Weisen mit einem Heiligenschein weißer Haare, reich an Erfahrung und verehrungswürdig, hoch über dem menschlichen Alltag stehend - so fallen sie tief darunter: diesem Bild steht das des alten Narren gegenüber, der dummes Zeug faselt und den die Kinder verspotten. Auf jeden Fall stehen die alten,'sei es dank ihrer Tugend, sei es durch ihre Erniedrigung, außerhalb der Menschheit."
Simone de Beauvoir [2] beschreibt subtil die zentralen Abwehrmechanismen der Gesellschaft dem Prozeß und den Folgen des Alterns gegenüber: die Verleugnung, die Idealisierung und die Entwertung.
Was so intensiv kollektiv tabuisiert ist, muß bedrohlich sein - real oder vermeintlich. Dabei ist die Tabuisierung der Sexualität älterer Menschen, insbesondere älterer Frauen, nur Teil der umfassenden Tabuisierung von Alter, Sterben und Tod [4].
Wir wollen der Frage nachgehen, was die Krisenhaftigkeit des Alterns ausmacht und wie darin die Sexualität eingebettet ist. Schwerpunktmäßig soll es dabei um die Sexualität der Frau gehen, obwohl es natürlich keinesfalls immer möglich und sinnvoll ist, sie von der Sexualität des Mannes getrennt zu sehen.
Während des gesamten Lebensprozesses ist für die Frau die Untrennbarkeit von Körper und Seele evident. Weit mehr als beim Mann sind die wesentlichen Entwicklungskrisen immer verbunden mit großen körperlichen Veränderungen, die einen hohen Anspruch an die Integrationsfähigkeit des Ichs der Frau stellen. Die Menarche als erstes einschneidendes Erlebnis, die Adoleszenz mit ihren umwälzenden Veränderungen des bisherigen Körperbildes, schließlich die Schwangerschaft als elementarster Ausdruck der prokreativen Kraft der Weiblichkeit.
Die Frau ist in ihrem Leben als Geschlechtswesen also sozusagen krisenerprobt. Sie hat gelernt, mit Metamorphosen ihres Körpers zu leben, große Veränderungen zu integrieren. Untersuchungen zur Körperkatexis (Grad der Zufriedenheit den ein Individuum mit seinem Körper oder mit Teilen seines Körpers hat) zeigen, daß Frauen in der Regel mit ihrem Körper umsichtiger und pfleglicher umgehen als Männer, eine Störung des Körperbildes deshalb aber auch eine wesentlich größere Beunruhigung bedeutet als für Männer.
Für alle vorherigen Wachstumskrisen, insbesondere Adoleszenz und Schwangerschaft, bestehen mannigfache Hilfsangebote, selbst des Themas "Klimakterium" bemächtigen sich allmählich die Medien, aber mit der letzten großen Reifungskrise, der des Alterns, werden Frauen (und Männer) weitgehend alleingelassen, sie ist sozusagen tabu.
Was macht den großen Unterschied zwischen diesem und den bisherigen Reifungsschritten? Was ist das Bedrohliche? Wo liegen die Ängste, wo aber auch die Wünsche und wo die Möglichkeiten.
In allen großen Krisensituationen des Lebens geht es u. a. um die zentralen Themen von Veränderung und Abschied. Die geglückte Bewältigung führt aber auch zu Neubeginn und Zugewinn. Dabei bedeutet die Veränderung des Körperbildes insofern immer eine besondere Krisenhaftigkeit, als die Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Selbst in Frage gestellt, verändert und erneuert werden muß.
Die Bewertung des Körperbildes, der Beziehung zu sich selbst, hat gesellschaftliche und individuelle Implikationen. Lange Zeit war die Vorstellung über die weibliche Sexualität bestimmt von der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der die Frau sozusagen ein Mangelwesen war. Es bestand die Vorstellung des phallischen Monismus, wonach der Penis das einzige Sexualorgan sei und die Libido ihrem Wesen nach männlich. Im klassischen psychoanalytischen Verständnis der weiblichen Sexualentwicklung ging man davon aus, daß das Mädchen, nachdem es seine eigene Penislosigkeit entdeckt hat, wünscht, irgendwie in den Besitz eines Penis zu kommen, und man glaubte, daß dieser Wunsch nach einem Penis ein primärer Wunsch des Mädchens sei. Es wende sich dem Vater zu, um von diesem zu bekommen, was offenbar jeder Mensch haben muß und was ihm von der Mutter vorenthalten wurde. Der Wunsch nach dem Besitz eines Kindes wurde als Analogen des Peniswunsches bzw. als seine der weiblichen Sexualfunktion gemäße Ablösung gesehen. Das Mädchen, so war die Ansicht, wolle sich auf diese Weise etwas verschaffen, was es nicht hat, d.h., sein Wunsch nach einem Kind sei ein abgeleiteter Wunsch.
Wer mit Frauen im Ernst zu tun hat, wundert sich über die Absurdität und Naivität dieser Theorie. Verständlich wird sie nur, wenn man mit in die Überlegung einbezieht, daß mächtige Herrschaftsinteressen den Blick auf die Realität verstellen. In der Realität hat die Frau selbstverständlich ein eigenes Sexualorgan. Die Klitoris ist nicht etwa ein vestümmelter Penis und die Vagina nicht etwa ein Loch, einzig bestimmt zur Aufnahme des Penis. Beides sind Organe mit der Möglichkeit zu intensiver, autonomer Lust der Frau [l, 13, 15]. Hinzukommt das innere Genitale, also die Fortpflanzungsorgane im engeren Sinne und die sekundären Geschlechtsmerkmale, insbesondere die Brust. Aber das Erleben sexueller Lust ist natürlich keinesfalls auf die eigentlichen Sexualorgane beschränkt, sondern die erogenen Zonen erstrecken sich auf zahlreiche anatomische Regionen, und der Körper insgesamt kann als Sexualorgan angesehen werden.
Einer der zentralen Unterschiede zwischen den Sexualorganen des Mannes und der Frau liegt darin, daß die weiblichen Geschlechts- und Fortpflanzungsorgane dem Blick nur wenig zugänglich sind, daß das zentrale Erleben der Geschlechtlichkeit der Frau sich also in ihrem körperlichen Innenraum abspielt. Dies führt einerseits zu der Bereicherung und Erweiterung des sexuellen Erlebens um den zentralen, körperlichen Innenraum, macht aber insbesondere auch einen Aspekt der besonderen Bedrohlichkeit, insbesondere bei Störungen des Erlebens aus. Immer ist bei der Sexualität der Frau auch ihr Innenraum entweder mit bereichert oder eben auch mit gefährdet. Über die Fähigkeit der Frau, sich als autonomes Geschlechtswesen zu erleben, entscheiden gesellschaftliche Normen auf der einen Seite und die individuelle Entwicklung der Frau auf der anderen. Auf die im Auf- und Umbruch sich befindenden patriarchalen Gesellschaftsstrukturen soll an dieser Stelle nur hingewiesen werden. Sie sind in den letzten Jahren ausgiebig diskutiert.
Für die individuelle Entwicklung der Frau ist von entscheidender Bedeutung, welches Identifikationsangebot ihr die Mutter machen kann. Ist die Mutter eine Frau, die ihren Körper und ihre Weiblichkeit als Quelle der Lust und Kreativität erleben kann, erleichtert sie der Tochter den Zugang und das Vertrauen zur eigenen weiblichen Identität. Erlebt die Tochter ihre Mutter als (ausschließlich) versorgende, sich bemächtigende, kontrollierende und desexualisierende Geschlechtsgenossin, gerät sie wie Hettlage und Kurz anschaulich darstellen [8], in Gefahr, ihr eigenes leidenschaftliches Begehren und ihre Einverleibungswünsche als Entgrenzung und Kontrollverlust zu erleben. Der Vater wird dann möglicherweise als Träger der Autonomie, als Garant der Freiheit und Retter vor den kontrollierenden Eingriffen der Mutter erlebt.
Die Männlichkeit wird idealisiert und die Weiblichkeit desexualisiert. Die Frau gewinnt dann entweder in Identifikation mit dem Vater gewisse männliche Züge oder die aktiven Strebungen werden an den Mann delegiert.
Eigenes Begehren ist bedrohlich und tabuisiert. Die zentrale Frage für das Erleben autonomer Lust ist also: Bezieht die Frau ihre Triebbefriedigung ausschließlich aus der Beziehung zu ihrem Mann und zu ihren Kindern oder ist sie Subjekt ihres Begehrens "ein Wesen mit eigenem Recht". "Hat sie die Lust von der prokreativen Ausstattung ihres Körpers abgezogen und auf die Ritualisierung von Mutter-Sein verlagert oder kann sie ihre Weiblichkeit als eigenständig - vielfältige Quelle von Lust und Interessen leben" [8]?
Es ist unmittelbar einsichtig, daß eine Frau mit starker weiblicher Identität dem Prozeß des Alterns anders begegnen kann, als eine Frau, die sich in ihrer Weiblichkeit lediglich als Objekt männlichen Begehrens und/oder über die Mutterschaft definiert. Dennoch sind die zu lösenden Konflikte für alle Frauen ähnlich. In allen vorherigen Reifungskrisen der Frau ging es zwar auch immer um Verluste und die Bewältigung von damit verbundenen Ängsten, dennoch waren die Verluste in jüngeren und mittleren Alter z.T. auch selbst gesucht [13] und nach Bewältigung der Krise in der Regel von deutlichem Zugewinn gekrönt: Erwachsen werden. Attraktivität und Fruchtbarkeit gewinnen, eine Familie gründen, Elternschaft erleben, berufliches Fortkommen, Zugewinn an sozialem Status, l
Anders ist es mit dem Prozeß des Alterns. Hier geht es für die meisten Menschen zunächst einmal um die Verarbeitung von nicht freiwillig gesuchten, sondern überwiegend auferlegten Verlusten auf verschiedenen Ebenen: Die meisten Menschen sind im Alter berentet, d.h. es geht um die Verarbeitung des Verlusts der Arbeitswelt, in der Regel verbunden mit Verlust von Geld und sozialem Status. Viele Menschen müssen ihre bisherige Wohnung aufgeben. Hinzu kommt der Verlust von körperlicher Leistungsfähigkeit, der Verlust des bisherigen Körperbildes und nicht selten auch der Verlust der Gesundheit. Darüberhinaus müssen die gewohnten Familienstrukturen in der Regel aufgegeben werden. Die Kinder haben das Haus verlassen, die Eltern sind gestorben.
Große, einschneidende und oft zutiefst verunsichernde Verluste also, deren Bewältigung einer erheblichen Integrationsleistung bedarf. Angesichts des Ausmaßes der zu bewältigenden Verluste und durch sie hervorgerufenen Ängste wird der kollektive Verleugnungsprozeß, der unterstellt, die Gefühle der Menschen würden lange vor ihrem körperlichen Tod absterben [10], besser verständlich. Nicht nur von den jüngeren werden die Gefühle der Älteren verleugnet. Auch bei alten Menschen selber ist oft eine emotionale Erstarrung nach Verlusten zu beobachten.
Sie ist Schutz gegen die sonst nicht zu bewältigende Überflutung mit Gefühlen von Verlassenheit, Angst, Aggression, Selbstwertverlust, Verunsicherung u. ä. Radebold [13] stellt eine Reihe spezifischer Bedingungen zusammen, unter denen Verluste nicht durch Trauerarbeit bewältigt werden können:
- Der Verlust wiederholt und reaktiviert damit einen früher nicht durch Trauerarbeit bewältigten, traumatisch erlebten Verlust in Kindheit/Jugendzeit.
- Ältere verlieren die einzig wichtige hochbesetzte Beziehungsperson (sei es einen noch aus der Kindheit stammenden Elternteil oder einen Geschwisterteil, sei es die symbiotisch gestaltete Partnerbeziehung ohne weitere freundschaftliche Beziehungen plötzlich und dazu noch ohne innere Vorbereitung).
- Der Verlust erfolgt außerhalb des erwarteten Verlaufs, z.B. wenn das einzige oder wichtige hochbesetzte Kind anstelle des kranken Partners oder der alten Eltern stirbt.
- Bedrohungen, Verluste, Kränkungen treten innerhalb eines kurzen Zeitraums in mehreren Bereichen (These der Kumulation) auf: physische und psychische Funktionen, Beziehungen und soziale Sicherheit.
Im Bild des von Simone de Beauvoir beschriebenen weisen Alten ist die Erwartung enthalten, dem alternden und alten Menschen stünden die Ich-Strukturen zur Bewältigung immer voll zur Verfügung. Das Gegenteil aber ist der Fall. Erstens stehen dem alten Menschen keine besseren Ich Strukturen zur Verfügung, als sie dem Menschen während des gesamten Lebens zur Verfügung standen. Darüber hinaus ist eine zeitweise oder andauernde Aufweichung von Abwehrstrukturen und vorübergehende oder sogar zunehmende Regression angesichts vielfältiger Verluste normal. Die Entwertung des alten Menschen zum Toren oder zum Kind, wenn er den idealisierenden Ansprüchen nicht entspricht, ist deshalb unangemessen.
Das Alter ist ebensowenig eine zweite Kindheit, wie es das Erreichen der Weisheit und Abgeklärtheit ist. Hierarchisches, infantilisierendes, regressionsförderndes Verhalten, wie es in der Interaktion mit alten Menschen, insbesondere in Kliniken und Heimen oft zu beobachten ist, läuft dem Prozeß der Identitätserhaltung und -bildung zuwider [13]. Die Frau hat neben den zuvor schon beschriebenen Verlusten noch den Verlust der ihr von der Gesellschaft als Geschlechtswesen einzig zugestandenen Attribute zu verkraften: den der erotischen Attraktivität und den der Fruchtbarkeit bzw. Mutterschaft.
Insbesondere für Frauen, die auf eigene aktive Lust, auf die Prokreativität ihrer Geschlechtlichkeit verzichten mußten, die sich also nicht als handelndes Subjekt mit eigenem Begehren sondern nur als Objekt des Begehrens anderer (insbesondere des Mannes) und in der Mutterrolle erleben konnten, bedeutet der Verlust öffentlicher Attraktivität und Mutterschaft den endgültigen Verlust der weiblichen Identität. Sie selbst identifizieren sich mit den asexuellen Konfliktlösungsangeboten der Gesellschaft für die alternde und alte Frau.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. So wenig die übrigen Gefühle der Menschen vor ihrem Tod absterben, so wenig sterben ihre Triebe und die mit ihnen verbundenen Konflikte ab [10, 13]. Triebe und Konflikte sind zeitlos, aber nicht unabhängig vom individuellen und gesellschaftlichen Lebenszusammenhang.
In einer Studie von Jürgensen [10] an 219 Frauen, zwischen 50 und 54 hatten 83 % der Frauen einen Partner, 16% waren ohne Partner; 60% erlebten ihre Sexualität als sehr gut bis befriedigend. 30 Jahre später ist die Anzahl der Frauen mit Partnern, wie z.B. eine Studie von Brettschneider [3] an 80- bis 102jährigen zeigt, auf 25 % gesunken. Das bedeutet, daß das Problem vieler alter Frauen über 80 darin besteht, daß ihre Partner gestorben sind und daß in ihrer Generation 4 Frauen auf l Mann kommen, ein scheinbar paradiesischer Zustand für Männer, den ein großer Teil von ihnen aber im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Leben bezahlt hat. Nach einer Studie von Holzapfel [9] waren 70% der über 70 jährigen sexuell aktiv und mehr als 1/4 der über SOjährigen. Auch weitere Studien [5, 11] zeigen, daß das Vorurteil der Jüngeren, das Alter sei asexuell, unrichtig ist. Besonders eindrucksvoll zeigt ein Buch von Renate Daimler [6] "Verschwiegene Lust" die Realität von Liebe und Lust im Alter an Selbstdarstellungen von Frauen.
Wie kann das Vorurteil der Asexualität des Alters entstehen? Eine der möglichen Interpretationen besteht darin, daß die Jüngeren den Älteren in der Übertragung wie ihren Elternbildern begegnen und daß damit Phantasien über die Erotik der Eltern und ausgeprägte Inzesttabus belebt werden [4]. Dies kann auch erhebliche Konsequenzen für die Arzt-Patienten-Beziehung haben. Ältere Patienten begegnen in der Regel nur Jüngeren als Ärzten. Diese werden dabei mit den eigenen Ängsten vor dem Altern konfrontiert [13]. Mit der Umkehrung der Generationen wird ein angemessenes Regressionsangebot für die Älteren (Eltern) dadurch erschwert, daß sie sich mit Beschwernissen und Nöten nicht mehr an die eigenen schon verstorbenen Eltern (Elterngeneration) wenden können, sondern an die Kindergeneration wenden müssen. Häufig resultiert dabei vonseiten der Kinder aus Angst vor der Regression der Eltern entweder ein rigides Regressionsverbot (Idealisierung der Elternfiguren, der weise Alte) oder eine infantilisierende Übertreibung der Regression. Eine weitere Interpretationsmöglichkeit der Desexualisierung des Alters kann in der Hoffnung bestehen, mit den Trieben würden dereinst auch die mit ihnen verbundenen Konflikte verschwinden, und man würde zumindest für eine Zeit des Lebens einen Zustand der Ruhe, Ausgeglichenheit und Harmonie erreichen. "Ich dachte, mit dem Herumgetriebenwerden sei in meinem Alter aufgeräumt. Sagen Sie bloß nicht, daß die ganze Chose mit dem Frau-Sein wieder anfängt" [8].
Wie aber, wenn sie doch wieder anfängt? Was tun, damit sie gar nicht aufhört, die wunderbare "Chose mit dem Frau-Sein"? Wie schon zu Anfang dargestellt, ist die Frau ja sozusagen lebenslang darin geübt, mit erheblichen Veränderungen ihres Körperbildes fertig zu werden und sie in ihr Ich zu integrieren. Zwar waren die meisten Veränderungen mit Zugewinn für das Selbstwertgefühl verbunden, aber durchaus waren auch beängstigende (z.B. in der Pubertät [12]) und kränkende (z.B. nach der Schwangerschaft [7]) Aspekte zu bewältigen. Das bedeutet, die großen kränkenden Verluste des Alterungsprozesses treffen auf ein gereiftes Ich. Ohne Frage ist der Verlust von öffentlicher Attraktivität und Fruchtbarkeit eine erhebliche narzißtische Kränkung. Trauer, Verunsicherung, Aggression und Wut sind angemessene Gefühle.
Aber die Notwendigkeit, Bilanz zu ziehen, das bisherige Leben zu überdenken, die Infragestellung bisheriger Beziehungen, die Aufweichung bisheriger Abwehrmechanismen und partielle Regression bergen auch eine Chance zum Neubeginn und zur Bereicherung. Solange Ängste und Verluste nicht abgewehrt und verleugnet werden müssen, sondern betrachtet, angegangen und bewältigt werden können, haben sie nicht zerstörerischen, sondern reifenden und oft auch bereichernden Wert. Abschied zu nehmen von bisher wichtigen Teilen des Ichs wie der Attraktivität und der Fruchtbarkeit ist ein ungemein schmerzlicher Prozeß. Aber es ist unabdingbare Voraussetzung für ein u.U. begrenzteres, aber seelisch unversehrtes Weiterleben. Je mehr Attraktivität und Fruchtbarkeit die ausschließlichen Quellen des narzißtischen Gleichgewichtes waren, desto schwieriger wird der Abschied, desto größer die Hoffnung, durch Festhalten, Verleugnen und Ungeschehen machen den Verlust zu umgehen.
Mit zunehmendem Alter wird das Loslassen und Neubewerten unumgänglicher. Nicht nur für Frauen, auch für Männer. Männer begegnen dem Alterungsprozeß weit unvorbereiteter als Frauen. Männer bilanzieren ihre Sexualität weit mehr unter dem Aspekt von Genitalität und Leistungsprinzip, so daß sie ihre nachlassende Potenz als Versagen und Frustration erleben. Viel weniger als Frauen haben Männer in ihrer Sozialisation die Möglichkeit, ihre Partialtriebe auszuleben und Zärtlichkeit und Intimität als grundlegende erotische Kommunikation schon frühzeitig zu lernen.
Die Sprache der Liebe, Sexualität und Erotik mißt sich nicht allein am Ausmaß der Erektion und der Zahl der Orgasmen. Das Leistungsprinzip zählt in der Alterssexualität, anders als in der Jugend, so gut wie nichts mehr.
Körper und Seele sind untrennbar miteinander verbunden. Ganz besonders gilt das für die Sexualität. Auf die Darstellung der körperlichen Veränderungen und die damit verbundene Beeinträchtigung der Sexualität wurde ausdrücklich verzichtet, weil die ausführlich in diesem Heft dargelegt sind.
Im Vordergrund stand, die seelischen Aspekte und insbesondere die Hemmnisse darzustellen, die einer geglückten Alterssexualität im Wege stehen können.
Die Zentralen seelischen Leistungen des alternden Menschen sind demnach: Abschied nehmen von einem Teil des Lebens ohne Verlust des Engagements für das Leben, Loslassen und Neuorientierung.
"Als die Fürstin von Metternich gefragt wurde, bis zu welchem Alter die Frau von Fleischeslust geplagt sei, antwortete sie: das weiß ich nicht, ich bin erst 65" [2].
Literatur
- Alpert J (1992) Psychoanalyse der Frau jenseits von Freud. Springer, Berlin Hei- delberg New York
- Simone de Beauvoir S (1977) Das Alter. Rowohlt, Reinbeck bei Flamburg
- Brettschneider JG, MC Coy N (1988) Sexual interest and behaviour in healthy 80-102 years old. Arch Sex Behav 17: 109-129
- Buddeberg C (1983) Sexualberatung. Enke, Stuttgart
- Cain BS (1988) Divorce among elderly women. J Contemporary Soc work 563- 568


